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Wenn Ritter gegen Schnecken kämpfen

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Im allgemeinen Verständnis gilt das Mittelalter als eine heroische Zeit: König Artus reitet mit den Rittern seiner Tafelrunde durch Großbritannien; Europa wird von großen Burgen auf noch größeren Hügeln beschützt; die Knappen reiten hoch zu Rosse zu ihren Burgfräuleins – und alles das wird eigentlich nur zu Ehren Gottes gemacht.
Dass es dabei eigentlich blutrünstig zugeht und Tod und Seuchen hinter jeder Ecke lauern, kann diesem Bild nicht wirklich schaden: Die Epoche rühmt sich mit Sittentreue und Anstand.

Wer nun hin und wieder gerne durch mittelalterliche Schriften blättert, wird dabei vielleicht auf der einen oder anderen Seite erstaunt innegehalten haben: Darstellungen von Rittern, die gegen Schnecken kämpfen!

Eine Frage, die sich dabei wohl auch bei Leuten aufdrängt, die lieber Zeitungen als mittelatlerliche Codices lesen, ist genauso angebracht wie wichtig:
Warum denn das bloß?

David gegen Goliath

Neben der Lustigkeit, die sich aus den beiden Figuren ergibt, irritiert die Forscher dabei noch ein weiterer Aspekt: Die Ritter, die auf den verzierten Anfangsbuchstaben, in der Fachsprache Initialen genannt, dargestellt sind, wirken dabei – unabhängig von der Größe der Schnecke – immer geschockt.

Einen ersten Erklärungsversuch lieferte 1850 Graf de Bastard: Für ihn war die Schnecke ein Symbol der Auferstehung. Warum man das aber nun mit Lanzen bekämpfen muss, kann der französische Adelige auch nicht sagen. Eine etwas glaubhaftere Erklärung kommt von Lilian Randall aus dem Jahre 1962: Die Schnecke ist ein Symbol für die feigen Langobarden, die bei Kämpfen in dieser Zeit oftmals geflohen waren, anstatt sich der Schlacht zu stellen.

Der Ritter als Lachnummer

Der Münchner Historiker Max Emanuel Frick meint hingegen, es könnte sich ganz einfach um Spott handeln. Für einen Ritter gehörte es zu den höchsten Ehren, über andere Ritter zu triumphieren. Etwas überzeichnet kann somit das Bild eines Mannes entstehen, der den lieben langen Tag herumreitet, um jemanden zu finden, gegen den er kämpfen kann – ein Haudegen, wie man ihn aus Westlern oder Actionfilmen im Allgemeinen kennt.

Hauptsache ein Panzer!

Da Verbreitungsmöglichkeiten wie Netflix im Mittelalter aber noch nicht zur Verfügung standen, musste man verkürzte Darstellungen auf vorhandenen Materialien wählen. Die Schnecke – einerseits das Symbol einer friedfertigen, trägen Langsamkeit, andererseits Träger eines Hauses am Rücken, in das sie sich bei Gefahr zurückziehen kann – schien sich dafür anzubieten. Die Komik die daraus entsteht, liegt auf der Hand: Allein der Panzer am Rücken provoziert den Ritter. Und dabei ist es egal, wer oder was der Träger ist.

Oder doch eine Invasion?

2015 kam es dann erneut zu Aufruhr im Lager der mittelalterlichen Schneckenforscher: Wissenschaftler aus Hamburg und Rom haben anhand von DNA-Tests herausgefunden, dass Ritter des Johanniterordens im 14. und 15. Jahrhundert für eine Schneckeninvasion auf Rhodos verantwortlich waren. Von ihren Kreuzzügen nach Jerusalem und in die Ägais brachten sie die Weichtiere auf die Inseln mit. Nicht klar ist jedoch, ob das beabsichtigt war oder nicht. Es scheint nämlich durchaus auch möglich, dass die Schnecken als Delikatessen verzehrt wurden.

Die Abbildung der Ritter, die gegen Schnecken kämpfen, könnte sich also auch auf eine neue, kulturelle Praktik beziehen, der die Ritter skeptisch gegenüber standen. Doch egal ob Spott, Angst, Ärger oder ein klein wenig von allem: Es zeigt sich, dass schon im Mittelalter, noch vor Erfindung des Buchdrucks, Botschaften zwischen den Zeilen verschneckt wurden.

Und so gilt heute wie damals: Ein Text ist mehr als die Summe seine Worte.

[expand title=“Weiterführende Links und Quellen“]

Detailliertere Erklärungen und historische Zusatzinformationen gibt es auf der Seite Curiositas Mittelalter

Artikel über die Forschungsergebnisse zur Schneckeninvasion auf Rhodos

 Artikel der Historikerin Caroline Wazer [Englisch]

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